Was viele Webdesigner nicht gerne hören
Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet — und auch die nicht so populären Dinge beim Namen nennt.
Ich habe nichts gegen WordPress, TYPO3, Joomla oder andere CMS-Systeme — und nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen die damit arbeiten und gutes Geld verdienen. Das ist ihr gutes Recht. Aber ich habe eine klare Vorstellung wann diese Systeme sinnvoll sind — und wann nicht. Und diese Vorstellungen will ich Ihnen hier mitteilen.
Stellen sie sich folgendes Szenario vor: Sie kommen mit einem klaren Auftrag zu einer Agentur bzw. Webdesigner — und bekommen einen LKW als Angebot bzw. als Lösung all Ihrer Probleme (noch keine Website) angeboten bzw. vorgeschlagen.
Ihr Hintergrund: Sie haben gerade ein Lokal übernommen, einen Handwerksbetrieb gegründet oder machen sich als Freiberufler selbstständig. Sie brauchen eine Website. Zehn Seiten, übersichtlich, professionell — damit Kunden Sie finden und wissen was Sie anbieten.
Sie gehen zu einer Agentur oder einem Webdesigner. Was bekommen Sie? In den meisten Fällen: WordPress. Manchmal TYPO3 oder Joomla. Selten die ehrliche Ansage ob das für Ihr Projekt wirklich notwendig ist. Als Begründung hören Sie vielleicht, ja das ist der Anfang Ihrer Webpräsenz, die wird künftig noch wachsen. Deshalb gleich ein System was auch für tausende weitere Webseiten reicht.
Das ist so als würden Sie zum Bäcker um die Ecke wollen — und jemand stellt Ihnen einen LKW vor die Tür. Zu groß, zu teuer im Betrieb, und für Ihre Aufgabe schlicht das falsche Werkzeug. Bei uns in Österreich sagt man dazu auch "mit Kanonen auf Spatzen schießen" — eine Metapher, keine Angst an alle die Tiere so lieben wie ich.Was WordPress, TYPO3 und Joomla wirklich sind
WordPress, TYPO3 und Joomla sind sehr mächtige Content Management Systeme — entwickelt damit große Redaktionsteams Inhalte verwalten können. Nachrichtenportale, Konzernwebsites, Online-Shops mit tausenden Produkten — das sind die Projekte für die solche Systeme gebaut wurden.
Diese Systeme brauchen eine Datenbank, regelmäßige Updates, regelmäßige Backups und Sicherheits-Monitoring. Das ist kein Vorwurf — das ist die technische Realität. Für ein Nachrichtenportal mit fünfzig Redakteuren ist das sinnvoll und notwendig.
Für Ihr Lokal mit zehn Seiten? Das ist der LKW für das "Brötchen holen".
Daneben gibt es eine Reihe weiterer Systeme — von Contao über WBCE bis zu Webflow und Wix — die alle dasselbe gemeinsam haben: Datenbank, Wartung, oder monatliche Gebühren an einen Anbieter dem Ihre Website dann letztlich gehört.
Klicken statt codieren — warum es trotzdem fast jeder so macht
Die Antwort ist schmeichelnd, aber ehrlich: Klicken ist schneller als codieren.
Ein WordPress mit fertigem Theme ist in einem Tag aufgesetzt. Template kaufen, Logo austauschen, Texte einfügen — fertig. Wer Puzzle-Teile zusammenstecken kann, kann heute eine WordPress-Website bauen. Tiefes Verständnis von Programmierung ist dafür nicht notwendig.
Das klingt effizient. Ist es auch — für den Webdesigner oder die Agentur.
Für Sie bedeutet es eine Website die wie tausende andere aussieht, Code den niemand wirklich vollständig versteht, und Abhängigkeiten die niemand wirklich überblickt.
Ich verstehe warum viele diesen Weg gehen. Der Druck ist real, die Zeit ist knapp. Aber ich kann es nicht befürworten — weil am Ende der Kunde dafür bezahlt. Mit Geld, mit Abhängigkeit, und mit einer Website die nie wirklich die seine war.
Das eigentliche Geschäftsmodell dahinter
Eine handcodierte Website die einmal fertig ist — ist fertig. Kein Wartungsabo notwendig. Kein monatlicher Anruf beim Techniker.
Datenbank-CMS haben leider — zumindest für alle die damit arbeiten — ein bekanntes Eigenleben. Eine WordPress-Website braucht monatliche Updates, Sicherheits-Monitoring, Backup-Verwaltung und gelegentliche Fehlerbehebung wenn Updates sich gegenseitig blockieren. Das ist für eine Agentur wiederkehrendes Einkommen. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Ob Sie es wirklich brauchen oder nicht.
Nach drei Jahren haben viele Kunden mit WordPress mehr für die Wartung bezahlt als für die Website selbst. Dazu kommen Hosting-Kosten für die Datenbank, Lizenzkosten für Plugins — und im schlimmsten Fall die Kosten für eine Hack-Bereinigung.
Was passiert wenn Updates schief gehen
Ein "notwendiges oder empfohlenes" Update kann Ihre Website von einer Minute auf die andere lahmlegen. Nicht weil Sie etwas falsch gemacht haben — sondern weil zwei Komponenten die von verschiedenen Entwicklern weltweit gebaut wurden plötzlich nicht mehr miteinander funktionieren.
Dann rufen Sie entnervt Ihren Webdesigner an. Dann kommt eine Rechnung. Dann wartet Ihre Website. Und Ihre Kunden sehen in der Zwischenzeit — nichts.
Das ist kein theoretisches Szenario. Das passiert täglich. Überall. Wer WordPress-Websites betreibt kennt diesen Moment.
Und dann sind da noch die bösen Hacker
Täglich werden weltweit tausende WordPress-Websites angegriffen. Nicht weil Ihre Website interessant ist — sondern weil automatisierte Programme das Internet rund um die Uhr nach bekannten Sicherheitslücken durchsuchen.
Eine gehackte Website bedeutet im besten Fall Spam im Quellcode, im schlimmsten Fall sind Kundendaten kompromittiert — und in jedem Fall folgen Stunden oder Tage Arbeit zur Bereinigung. Natürlich gegen Rechnung.
Bei einer handcodierten Website ohne Datenbank gibt es nichts zum Hacken. Keine bekannten Angriffspunkte, keine Sicherheitslücken in fremden Plugins.
Was nicht existiert kann nicht gehackt werden.
Wie ein Layout wirklich entsteht — wenn man es ernst meint
Bevor ich eine einzige Zeile Code schreibe führe ich ein ausführliches Gespräch mit meinem Kunden. Welche Farben gefallen ihm? Was soll die Website ausstrahlen? Welche Websites von Mitbewerbern findet er ansprechend — und warum?
Dann erstelle ich in Photoshop ein Layout. Nicht eines — mehrere Varianten. Immer mit dem ehrlichen Hinweis: "Code ist kein Bild. Die Website wird nicht zu 100 Prozent ident aussehen — aber die Richtung stimmt."
Der Kunde sieht die Varianten, gibt Feedback, wünscht sich Änderungen. Wir diskutieren, verfeinern, finalisieren. Erst wenn der Kunde wirklich zufrieden ist — erst dann beginnt die eigentliche Programmierung.
Ja — das kostet mehr Zeit als einem Kunden einen Link zu einer Theme-Bibliothek zu schicken und zu sagen: "Suchen Sie sich eines aus." Aber der Unterschied ist entscheidend: Der Kunde bekommt seine Website — nicht die von tausend anderen.
Wann WordPress, TYPO3 und Joomla die richtige Wahl sind
Ich sage das ohne Einschränkung: Es gibt Projekte für die diese Systeme wirklich Sinn machen.
Online-Shop mit hunderten Produkten und komplexer Lagerverwaltung — dann ist ein solches System sinnvoll. News-Portal mit mehreren Redakteuren — dann rechtfertigt die Komplexität den Aufwand. Mehrsprachige Konzernwebsite mit komplexen Benutzerrollen — dann ist das der richtige Weg.
Wenn Sie aber ein Lokal haben, einen Handwerksbetrieb führen, als EPU tätig sind oder einen Verein leiten — dann brauchen Sie keinen LKW. Sie brauchen ein Werkzeug das zu Ihrer Aufgabe passt.
Das Fazit
WordPress, TYPO3 und Joomla sind sehr mächtige Werkzeuge — für die richtigen Aufgaben. Für zehn Seiten und einen Inhaber sind sie das falsche Werkzeug — und ein sehr gutes Geschäftsmodell für alle außer Ihnen.
Das sagen nicht alle Webdesigner. Aber ich schon.
Petra Dippold — Webdesignerin aus der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche.
Für alle die "nur" Besitzer und Nutzer ihrer Website sind
WordPress — weltweit das meistverbreitete Content Management System. Ursprünglich als Blog-Software entwickelt, heute für alles verwendet — auch wenn es oft überdimensioniert ist.
TYPO3 — ein mächtiges CMS das vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreitet ist. Besonders für große Unternehmenswebsites geeignet — und entsprechend komplex in der Wartung.
Joomla — ein weiteres verbreitetes CMS, ähnlich wie WordPress aber mit kleinerer Community. War früher populärer, verliert heute laufend an Marktanteil.
Contao — ein deutschsprachiges CMS, in der DACH-Region bekannt. Kleinere Community als WordPress — was bedeutet dass Updates langsamer kommen und Spezialisten schwerer zu finden sind.
WBCE / WebsiteBaker — ein österreichisch-deutsches Open-Source CMS das eine Zeit lang populär war. Wird heute von einer kleinen Community weiterentwickelt — ein Risiko für Websites die langfristig stabil laufen sollen.
Webflow — ein amerikanischer Website-Baukasten mit monatlichen Kosten. Daten liegen auf US-Servern — was datenschutzrechtlich problematisch sein kann.
Wix / Jimdo / Squarespace — monatlich bezahlte Baukasten-Systeme bei denen Ihre Website dem Anbieter gehört. Ein Umzug zu einem anderen Anbieter ist kaum möglich — Sie sind dauerhaft abhängig.
Theme — fertiges Design-Paket das man kauft und mit eigenen Inhalten befüllt. Tausende Websites sehen damit gleich aus — Ihre auch.
Datenbank — ein digitales Lager wo ein CMS alle Inhalte speichert. Braucht eigene Wartung und ist ein beliebtes Angriffsziel für Hacker.
Plug-in — eine Erweiterung die man in WordPress installiert um zusätzliche Funktionen zu bekommen. Viele Plug-ins bedeuten viele Abhängigkeiten — und viele mögliche Fehlerquellen.
Update — eine Aktualisierung der Software. Bei WordPress notwendig für Sicherheit und Funktion — kann aber auch dazu führen dass Teile der Website plötzlich nicht mehr funktionieren.
Backup — eine Sicherungskopie der Website. Bei WordPress notwendig weil Updates oder Hacks die Website beschädigen können.
Sicherheits-Monitoring — ständige Überwachung ob die Website angegriffen wird. Bei WordPress notwendig — bei handcodierten Websites ohne Datenbank nicht erforderlich.
Handcodiert — jede Zeile der Website wird von Hand geschrieben. Kein Template, kein Baukasten — individuell, schlank, ohne versteckte Abhängigkeiten.
HTML / CSS — die Grundsprachen des Internets. HTML beschreibt die Struktur einer Seite, CSS das Aussehen. Zusammen reichen sie für die meisten kleinen und mittleren Websites vollständig aus.
EPU — Einzelpersonenunternehmen. Ein Betrieb mit einer Person — der häufigste Unternehmenstyp in Österreich.
Content Management System (CMS — Software die es mehreren Personen ermöglicht Inhalte auf einer Website zu verwalten. Sinnvoll für große Redaktionen — oft überdimensioniert für kleine Websites.
Redaktionsteam — mehrere Personen die gemeinsam Inhalte auf einer Website erstellen und verwalten. Für ein Team wurde das CMS ursprünglich entwickelt — nicht für einen einzelnen Inhaber.