Warum WordPress & TYPO3 nie wirklich barrierefrei werden – und was Agenturen besser empfehlen könnten

Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet – und die Konkurrenz trotzdem respektiert.

Ich schreibe diesen Artikel nicht um WordPress oder TYPO3 schlechtzumachen. Und ich schreibe ihn nicht um Agenturen anzugreifen die damit arbeiten.

Ich schreibe ihn weil ich glaube dass Unternehmer das Recht haben die Wahrheit zu kennen – bevor sie entscheiden welches System sie wählen. Und weil manche Wahrheiten unbequem sind aber trotzdem gesagt werden müssen.


Zuerst die Fürsprache – was WordPress und TYPO3 wirklich können

WordPress betreibt über 40 Prozent aller Websites weltweit. Das ist kein Zufall. Es ist ein mächtiges, flexibles, ausgereiftes System das für viele Anwendungsfälle wirklich die richtige Wahl ist.

TYPO3 ist in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) besonders verbreitet – bei Universitäten, öffentlichen Institutionen, großen Unternehmen. Auch das aus gutem Grund: Es ist robust, skalierbar und für komplexe Projekte mit vielen Redakteuren kaum zu schlagen.

Agenturen die mit diesen Systemen arbeiten tun das nicht aus Faulheit oder böser Absicht. Sie tun es weil:


Das ist die ehrliche Fürsprache. Und sie ist ernst gemeint.


Aber – und das ist ein großes ABER

WordPress und TYPO3 wurden nicht für Barrierefreiheit entwickelt. Sie wurden für Content-Management entwickelt – für die Verwaltung von Inhalten durch viele Menschen gleichzeitig.

Barrierefreiheit war bei ihrer Entstehung kein Designziel. Sie wurde nachträglich hinzugefügt – durch Plugins, durch Theme-Anpassungen, durch aufwendige manuelle Korrekturen.

Und genau das ist das strukturelle Problem.


Was strukturell bedeutet – erklärt ohne Technik

Stellen Sie sich ein altes Gebäude vor. Wunderschön, historisch, gut erhalten. Aber ohne Aufzug gebaut – in einer Zeit als Aufzüge noch keine Rolle spielten.

Heute soll das Gebäude barrierefrei werden. Also wird ein Aufzug eingebaut – außen am Gebäude, sichtbar, ein Kompromiss. Treppen werden mit Rampen ergänzt – nicht ideal aber machbar. Türen werden verbreitert – aufwendig und teuer.

Das Ergebnis: besser als vorher. Aber nie so gut wie ein Gebäude das von Anfang an barrierefrei geplant wurde.

WordPress und TYPO3 sind dieses alte Gebäude.

Handcodierte Websites sind das Gebäude das von Anfang an barrierefrei geplant wurde.


Was konkret nicht funktioniert – technisch aber verständlich

Das Theme-Problem:
WordPress-Websites basieren auf Themes – vorgefertigten Design-Vorlagen. Diese Themes werden von Drittanbietern entwickelt und enthalten oft hunderte Zeilen Code die niemand vollständig kontrolliert. Barrierefreiheitsfehler die im Theme stecken können von der Agentur nicht immer behoben werden – ohne das Theme komplett zu ersetzen.

Das Plugin-Problem:
Barrierefreiheit in WordPress wird oft über Plugins geregelt – zugekaufte Erweiterungen die Fehler automatisch "reparieren". Das klingt praktisch. Es ist es nicht. Ein Plugin das einen Kontrast-Fehler behebt kann gleichzeitig einen neuen Strukturfehler erzeugen. Und: Plugins werden von verschiedenen Entwicklern weltweit gebaut – niemand garantiert dass sie miteinander harmonieren.

Das Gutenberg-Problem:
Der moderne WordPress-Editor heißt Gutenberg – ein Block-basiertes System. Wenn Kunden selbst Inhalte bearbeiten und Blöcke verschieben entstehen automatisch neue Barrierefreiheitsfehler die kein Plugin und keine Agentur verhindern kann. Die Inhaltsbearbeitung selbst wird zur Fehlerquelle.

Das TYPO3-Problem:
TYPO3 hat in den letzten Jahren viel in Barrierefreiheit investiert – und ist ehrlich gesagt besser als WordPress in diesem Bereich. Aber auch hier gilt: Die Komplexität des Systems, die Vielzahl an Erweiterungen und die Abhängigkeit von Theme-Entwicklern macht vollständige WCAG-Konformität zu einem sehr aufwendigen und teuren Unterfangen.

Das Grundproblem aller CMS:
Ein CMS erzeugt HTML-Code automatisch – basierend auf Vorlagen, Plugins und Nutzerinteraktionen. Handcodierter Code wird von einem Menschen geschrieben der jeden Tag für jede Zeile verantwortlich ist. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen kontrollierter Qualität und automatisch generiertem Kompromiss.


Was das gesetzlich bedeutet – seit Juni 2025

Der European Accessibility Act (EAA) und das österreichische Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) sind seit Juni 2025 in Kraft.

Das Gesetz kennt zwei Zustände: konform oder nicht konform.

Eine WordPress-Website die "weitgehend barrierefrei" ist – ist nicht konform. Eine TYPO3-Website mit einem Barrierefreiheits-Plugin die "die meisten WCAG-Kriterien erfüllt" – ist nicht konform.

Das klingt hart. Es ist aber die rechtliche Realität.


Wer ist betroffen?


Wer heute noch ausgenommen ist – aber aufpassen sollte:
Kleinstunternehmen sind aktuell ausgenommen. Aber Unternehmen wachsen. Und wer beim Wachstum plötzlich in die Pflicht fällt und eine nicht konforme Website hat – steht vor einer teuren Nachbesserung. Oder vor einer komplett neuen Website.


Wie man als Unternehmer abwägt – eine ehrliche Entscheidungshilfe

Es gibt keine universelle Antwort. Aber es gibt die richtigen Fragen:

Frage 1: Bin ich gesetzlich verpflichtet?
Wenn ja – WordPress und TYPO3 sind mit sehr hohem Aufwand möglicherweise konform zu bekommen. Möglicherweise. Handcodierte Websites sind es von Anfang an – ohne Aufpreis, ohne Plugin-Chaos, ohne Kompromisse.

Frage 2: Wie viele Seiten hat meine Website?
Unter 20-30 Seiten – handcodierte Lösung ist effizienter, günstiger im Betrieb und technisch sauberer. Über 100 Seiten mit vielen Redakteuren – ein CMS kann sinnvoll sein, aber Barrierefreiheit muss von Anfang an eingeplant und budgetiert werden.

Frage 3: Wer pflegt die Inhalte?
Ein einzelner Inhaber der gelegentlich Texte ändert – braucht kein CMS. Ein Redaktionsteam mit 10 Personen das täglich publiziert – braucht ein CMS. Die Frage ist nicht welches System besser ist – sondern welches zu Ihrer Situation passt.

Frage 4: Was kostet es wirklich?
WordPress klingt günstig – bis man die monatlichen Wartungskosten, die Plugin-Lizenzen, die Sicherheits-Updates, die gelegentlichen Notfall-Einsätze und die nachträglichen Barrierefreiheits-Audits zusammenzählt. Handcodierte Websites haben höhere Erstellungskosten – aber deutlich niedrigere laufende Kosten.

Frage 5: Wie lange soll die Website laufen?
Kurzfristiges Projekt – CMS kann sinnvoll sein. Langfristige Investition – technische Schulden die ein CMS mit sich bringt summieren sich über Jahre.


Was Agenturen ihren Kunden besser empfehlen könnten

Und hier kommt die eigentliche Fürsprache – diesmal für Agenturen die ehrlich mit ihren Kunden umgehen wollen.

Es ist möglich mit WordPress und TYPO3 sehr gute Websites zu bauen. Es ist möglich damit Barrierefreiheit auf WCAG AA-Niveau zu erreichen – mit viel Aufwand, mit den richtigen Entwicklern, mit konsequenter Qualitätskontrolle.

Was Agenturen ihren Kunden sagen sollten – aber oft nicht sagen:

"Für Ihre 8-seitige Unternehmenswebsite brauchen Sie kein WordPress."
WordPress für eine kleine Website ist wie ein LKW für den Weg zum Bäcker. Es funktioniert – aber es ist das falsche Werkzeug. Eine gute Agentur sagt das.

"Vollständige WCAG-AAA-Konformität mit WordPress kostet mehr als eine handcodierte Lösung."
Weil es mehr Aufwand bedeutet. Weil es mehr Kontrolle braucht. Weil jedes Plugin-Update eine neue Prüfung erfordert. Eine ehrliche Agentur kommuniziert das – und lässt den Kunden entscheiden.

"Wenn Barrierefreiheit für Sie gesetzlich relevant ist – sprechen wir über die richtige Lösung, nicht über die bequemste."
Die bequemste Lösung für eine Agentur ist oft nicht die beste für den Kunden. Gute Agenturen wissen das. Und sagen es.

"Es gibt Alternativen zu WordPress und TYPO3 die für Ihre Anforderungen besser geeignet sind."
Flat-File-Systeme ohne Datenbank. Handcodierte Lösungen. Spezialisierte barrierefreie Systeme. Eine Agentur die nur eine Lösung kennt und anbietet – ist keine gute Beraterin.


Wann WordPress und TYPO3 trotzdem die richtige Wahl sind

Das gehört zur Ehrlichkeit dazu:


In diesen Fällen: WordPress oder TYPO3 – ja. Aber mit offener Kommunikation über die Grenzen bei der Barrierefreiheit.


Die ehrliche Zusammenfassung

WordPress und TYPO3 sind keine schlechten Systeme. Sie sind die falschen Systeme wenn vollständige technische Barrierefreiheit das Ziel ist – und wenn die Website klein genug ist um handcodiert zu werden.

Agenturen die das wissen und trotzdem schweigen – machen sich keine Freunde. Agenturen die das kommunizieren und gemeinsam mit dem Kunden die beste Lösung suchen – bauen Vertrauen das jahrelang hält.

Und Unternehmer die die richtigen Fragen stellen – treffen die richtigen Entscheidungen.

Die wichtigste Frage ist nicht: WordPress oder nicht WordPress?
Die wichtigste Frage ist: Was brauche ich wirklich – und was kostet es wirklich?

Wer diese Frage ehrlich beantwortet bekommt – manchmal zum ersten Mal – eine Antwort die wirklich zu seinem Unternehmen passt.


Ich bin Petra Dippold – Webdesignerin aus Moosbrunn, in der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche. Ich arbeite ohne WordPress und ohne TYPO3 – aber ich respektiere jeden der damit gute Arbeit leistet. Und ich sage meinen Kunden wenn ein anderes System für sie besser wäre als meines.


Im zweiten Teil dieser Serie: Welche CMS-Alternativen wirklich barrierefrei sind – Papoo, Contao, Plone und mehr


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