Das Internet mit anderen Sinnen: Wie blinde und sehbehinderte Menschen Ihre Website wirklich erleben

Ich habe es selbst getestet. NVDA – der bekannteste kostenlose Screenreader – auf meiner eigenen, sauber codierten Website. Nach zehn Minuten war mein Kopf zum Zerrspringen überlastet. Eine mechanische Stimme und jedes Wort und Anweisungen wie Überschrift, Liste etc. wurde akustisch genannt. Und ich war froh, es getestet zu haben, aber noch mehr glücklich, dass ich es wieder abschalten konnte.
Blinde Nutzer können es nicht abschalten. Sie können nur Ihre Website verlassen. Für immer.

1,9 Millionen Menschen in Österreich – die Sie vielleicht gerade ignorieren

Das ist keine abstrakte Zahl. 1,9 Millionen Österreicherinnen und Österreicher leben mit einer Sehbehinderung – jung und alt, in Städten und am Land. Die wenigsten davon sind vollblind. Die meisten haben Einschränkungen, die wir im Alltag kaum bemerken:

In einem Land das demografisch immer weiter altert, wächst diese Gruppe jährlich. Wer heute eine Website baut oder besitzt die diese Menschen ignoriert, schließt effektiv jeden fünften potenziellen Kunden aus.
Wollen Sie wirklich jedem fünften Österreicher die Tür vor der Nase zuschlagen?

Wie das Internet klingt – der NVDA-Test aus erster Hand

NVDA liest alles vor. Jeden Buchstaben den Sie tippen. Jedes Leerzeichen. Jede Korrektur. In der Standardversion ohne Anpassung ist es eine akustische Überwältigung – selbst für jemanden der seit 2001 Websites baut.
Blinde Nutzer haben das trainiert. Sie hören Websites mit einer Geschwindigkeit, die für sehende Ohren nur noch wie elektronisches Summen klingt. Sie scannen mit den Ohren so schnell wie wir mit den Augen.

Das Problem: Bei Baukasten-Systemen wie Wix oder WordPress stolpert der Screenreader ständig über leere Links, "Grafik_final_v3_DEFINITIV.jpg" oder endlose Code-Wüsten. Das ist, als müsste man ein Buch lesen bei dem auf jeder zweiten Seite sinnlose Buchstabenfolgen dazwischenstehen.
Ich habe NVDA auf meiner eigenen sauberen Seite getestet – und war trotzdem am Limit.

Was NVDA auf einer unbehandelten WordPress-Seite macht – das überlasse ich Ihrer Fantasie.

Der Unterschied den sauberer Code macht

Bei handcodiertem, sauberem HTML hört der Nutzer sofort den Inhalt: "Überschrift: Unsere Leistungen. Liste aus 8 Punkten." Effizient, klar, respektvoll.

Konkret bedeutet das:

Blinde programmieren? – ja, das geht

Es klingt wie Science-Fiction, aber blinde Entwicklerinnen und Entwickler schreiben Code oft schneller und präziser als Sehende. Unter der Tastatur liegt eine Braillezeile – ein Gerät das den Code in Echtzeit in fühlbare Blindenschrift übersetzt.
Während wir uns von bunten Buttons ablenken lassen, fokussieren sich blinde Programmierer auf die reine Logik. Sie fühlen die Architektur einer Website. Deshalb hassen sie unaufgeräumten Code – er fühlt sich für sie wie ein unordentliches Zimmer an, in dem man ständig über herumliegende Dinge stolpert.

Das Gesetz: Seit Juni 2025 keine Ausreden mehr

Der European Accessibility Act (EAA) und das österreichische Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) sind seit Juni 2025 in Kraft. Keine Schonfrist. Kein "wir arbeiten daran".
Wer jetzt noch mit "barrierearmen Lösungen" arbeitet – Vorsicht: Das Gesetz kennt nur zwei Zustände. Konform oder nicht konform. So wie es kein "bisschen schwanger" gibt, gibt es auch kein "bisschen barrierefrei".
Die Folgen reichen von Abmahnungen bis zu empfindlichen Bußgeldern.

Was für Blinde funktioniert, funktioniert für alle

Das ist die eigentliche Botschaft: Barrierefreiheit ist kein Extra für eine Minderheit - wobei Minderheit eine Gruppe von 1,9 Millionen Österreicher nicht die korrekte Bezeichnung ist. Was für blinde Nutzer funktioniert – saubere Struktur, schnelle Ladezeiten, klare Sprache, sinnvolle Alternativtexte – macht die Website für alle besser.
Für Ältere. Für Menschen mit Sehschwäche. Für Nutzer mit langsamer Internetverbindung. Für Suchmaschinen. Für KI-Ausgaben bei Google.
Ich baue Websites seit 2001. Ich habe NVDA selbst getestet. Ich weiß wie sich eine schlecht codierte Website anhört – und ich baue sie nicht.


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