Warum schlechte Websites bei Google vorne stehen – und wie lange noch

Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet – und die Antwort auf diese Frage kennt.

Sie haben es selbst erlebt: Da steht eine Website ganz oben bei Google. Professionell gestaltet, vertrauenswürdig wirkend – und wenn man genauer hinschaut: 59 W3C-Fehler, 251 Warnungen, Facebook Pixel ohne Einwilligung, Farbkontrast 1:1.

Wie kann das sein?

Die ehrliche Antwort ist unbefriedigend – aber sie erklärt warum das System so funktioniert wie es funktioniert. Und warum sich dieses System gerade ändert.

Google ist kein Qualitätsprüfer – Google ist ein Vertrauensmesser

Google bewertet keine Websites wie ein Qualitätsprüfer der mit der Lupe durch den Quellcode geht. Google misst Vertrauen – und Vertrauen entsteht durch viele Signale die nichts mit technischer Qualität zu tun haben.

Was Google seit Jahren am stärksten bewertet:


Technische Qualität – sauberer Code, Barrierefreiheit, W3C-Konformität – fließt erst seit einigen Jahren stärker in den Algorithmus ein. Wer 15 Jahre lang vorne stand bekommt diesen Vertrauensvorsprung nicht von heute auf morgen weggenommen.

Das ist wie bei einem alten Restaurant mit mittelmäßigem Essen aber treuen Stammgästen – es läuft weiter, auch wenn nebenan etwas Besseres aufmacht.

Das Bestandsschutz-Prinzip

Google führt laufend Algorithmus-Updates (Aktualisierungen der Bewertungsregeln) durch – manche klein und unbemerkt, manche groß und einschneidend. Diese Core Updates (grundlegende Neubewertungen) können Rankings völlig durcheinanderbringen.

Das Entscheidende dabei: Ein Core Update bestraft niemanden direkt. Es definiert neu was "Qualität" bedeutet. Wer nach den neuen Kriterien besser dasteht – steigt. Wer schlechter dasteht – fällt.

Das Dezember 2025 Core Update zum Beispiel dauerte 21 Tage bis es vollständig ausgerollt war. In dieser Zeit wurden Millionen von Websites neu bewertet.

Das bedeutet: Wer heute technisch schlechte Arbeit liefert fährt auf geborgter Zeit. Der nächste große Update kann das Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Der Versprechen-Realität-Graben

Hier wird es besonders interessant – und für ehrliche Webdesigner besonders ärgerlich.

Eine Agentur verspricht: "Wir erstellen Ihnen eine barrierefreie Website." Der Kunde zahlt. Die Website geht online. Truth Check: 47 Fehler, Kontrast 1:1, Facebook Pixel ohne Opt-In.

Wie passiert das? Nicht immer aus böser Absicht. Oft aus Unwissenheit – oder aus Systemgründen:

Das WordPress-Problem:
Viele moderne Themes und Page Builder (Drag-and-Drop-Systeme für Websites) erzeugen automatisch fehlerhaften Code. Der Webdesigner klickt zusammen, es schaut gut aus, er liefert ab – und hat nie in den Quellcode geschaut. Er kann es gar nicht sehen weil er nie wirklich programmiert hat.

Das Plugin-Problem:
Barrierefreiheit in WordPress wird oft über Plugins (Erweiterungen) geregelt – also über zugekaufte Zusatzsoftware. Die funktioniert manchmal, manchmal nicht, manchmal nur bis zum nächsten Update.

Das Versprechen-Problem:
"Barrierearme Website" klingt wie "barrierefreie Website" – ist es aber nicht. Das Gesetz kennt nur zwei Zustände: konform oder nicht konform.

Was sich gerade verändert

Die gute Nachricht für alle die ehrliche Arbeit leisten:

Google arbeitet aktiv daran technische Qualität stärker zu gewichten. Ladezeit, Core Web Vitals (Messwerte für Nutzererlebnis), mobile Optimierung, saubere Struktur – all das fließt heute mehr ein als noch vor fünf Jahren.

Und seit Juni 2025 kommt ein völlig neuer Hebel dazu: Die Rechtslage.

Der European Accessibility Act (EAA) und das österreichische Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) sind in Kraft. Abmahnungen sind möglich. Bußgelder auch.

Wer heute eine Website mit 47 Barrierefreiheitsfehlern ausliefert und "barrierefrei" verspricht – der hat ein echtes Problem. Nicht nur ein SEO-Problem. Ein rechtliches.

Der B2B-Effekt – der stille Killer im Hintergrund

Was kaum jemand ausspricht: Große Unternehmen prüfen ihre Geschäftspartner heute nach technischer Compliance (gesetzlicher Konformität). Eine nicht konforme Website ist oft der stille Grund warum man bei Ausschreibungen nicht mehr in die engere Wahl kommt.

Wenn Ihr Geschäft in letzter Zeit ruhiger geworden ist – prüfen Sie das, bevor Sie von einem "schwierigen Markt" sprechen.

Was das für Sie bedeutet

Schlechte Websites stehen heute vorne weil Google Vertrauen misst – und Vertrauen braucht Zeit.

Aber Zeit läuft in beide Richtungen. Wer heute sauber arbeitet baut Vertrauen auf. Wer heute schlechte Arbeit liefert lebt auf geborgter Zeit.

Und die Rechnung kommt. Spätestens beim nächsten Core Update. Oder beim nächsten Anwalt.


→ Mehr dazu: Was Google sofort abstraft – die dunkle Seite des SEO


Ich bin Petra Dippold – Webdesignerin aus Moosbrunn, in der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche.


Wissen Sie wirklich was Ihr Webdesigner Ihnen geliefert hat?

Prüfen Sie Ihre Website jetzt kostenlos und anonym auf Barrierefreiheit – in verständlicher Sprache, ohne technisches Kauderwelsch, anonym und ohne Registrierung.



Zurück zum Ratgeber