KI im Webdesign – alle reden dagegen, alle nutzen sie
Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet — und auch hier die Dinge beim Namen nennt.
Ich setze KI als Werkzeug ein — transparent, DSGVO-konform, auf EU-Servern. Ich halte nichts davon so zu tun als ob KI nicht existiert. Und ich halte noch weniger davon so zu tun als ob KI alles kann.
Die größte Heuchelei der Branche
Auf Konferenzen, in Fachartikeln, in sozialen Netzwerken — überall dieselbe Debatte: "KI bedroht kreative Berufe!" "KI-Content ist wertlos!" "Wir arbeiten ausschließlich im Team!" Und gleichzeitig — still und heimlich, ohne es laut zu sagen: ChatGPT Tab offen. Claude Tab offen. KI für Texte, Code, Übersetzungen, Bilder und Angebote eingepflegt. KI? Nein nutzen wir nie.
Meine persönliche Schätzung: 99 Prozent verteufeln KI öffentlich — und 105 Prozent nutzen sie regelmäßig. 😄
Das ist keine Kritik — das ist inspirierend, rationell und nützlich. Aber Ehrlichkeit wäre angebrachter als öffentliche Empörung bei der Erwähnung KI.
Von der Enzyklopädie zur KI — eine persönliche Reise
Ich erinnere mich noch gut an die Enzyklopädien die früher in jedem besseren Haushalt standen. Dreißig schwere Bände Brockhaus im Regal — das Non-plus-ultra des Wissens. Wer eine komplexe Frage hatte suchte in mehreren Bänden. Wer eine sehr komplexe Frage hatte gab irgendwann auf. 😄
Dann kam das Internet – 1991. Wikipedia – 2001. Google – 1998. Und jetzt, 2022 – KI.
Die KI steckt die komplette Enzyklopädie in den Sack. Nicht nur alle Brockhaus Bände — sondern alle Bücher, alle wissenschaftlichen Arbeiten, die gesamte Kunstgeschichte, Medizin, Technik. Von Einsteins Relativitätstheorie bis zur Geschichte der Heiligen Birma Katze. Von schwarzen Löchern bis zu den feinsten Details der WCAG AAA Barrierefreiheitsrichtlinien. 😄 Aber — und das ist entscheidend — die Enzyklopädie hat mir nie gesagt wie ich dieses Wissen für mein spezifisches Problem nutzen soll. Die KI tut das. Die KI antwortet nicht nur auf "Was ist WCAG?" — sondern auf "Wie setze ich WCAG AAA in einem PHP-basierten CMS ohne Datenbank um?". Das ist der wahre Quantensprung.
Die größte Stärke der KI — die viele übersehen oder gar nicht kennen
Wer KI nur als Schreibhilfe oder Code-Generator versteht hat ihre eigentliche Stärke noch gar nicht entdeckt.
Die größte Stärke der KI sind die unerwarteten Dialoge. Die kuriosen Denkanstöße. Die Fragen die man selbst gar nicht gestellt hätte.
Ein konkretes Beispiel: Das Truth Check Tool — mein kostenloses Barrierefreiheits-Prüftool — wäre ohne KI-Unterstützung vielleicht nie so entstanden wie es ist. Nicht weil die KI es gebaut hat — sondern weil der Austausch mit KI Denkanstöße lieferte die mich erst auf die Idee gebracht haben den Interessenten so ein Tool zum Testen zu ermöglichen.
Das ist der echte Wert: KI als Verstärker des Denkens — nicht als Ersatz dafür.
Wer KI fragt "Bau mir ein Tool" bekommt etwas Generisches. Wer KI fragt "Ich habe dieses Problem — welche Lösungsansätze gibt es?" bekommt Inspiration. Wer dann selbst entscheidet, filtert, verfeinert und umsetzt — der schafft etwas Einzigartiges.
Was KI wirklich ist — und was nicht
KI ist ein Werkzeug. Ein sehr mächtiges — aber trotzdem nur ein Werkzeug. Eine Nähmaschine kann ein Kleidungsstück nähen – aber sie weiß nicht für wen es ist, wie es sitzen soll und ob es jemals angezogen wird, oder immer im Geschäft/Kasten bleibt als Ladenhüter.
KI kann:
- Routineaufgaben schnell erledigen
- Textentwürfe liefern die man überarbeitet
- Alt-Texte vorschlagen die man prüft
- Code debuggen und Fehler finden
- Als Sparringspartner für neue Ideen dienen
- Durch komplexe Informationslandschaften navigieren — Förderungen, Behörden, Fristen
KI kann nicht:
- Ihre Kunden kennen und Ihre Wünsche und Vorlieben
- Ihren Markt persönlich verstehen
- Viele Jahre Erfahrung in Ihrer Branche ersetzen
- Verantwortung übernehmen
- Einschätzen wann ein Kunde die Wahrheit hören will — und wann er sie noch nicht verträgt
Und noch etwas: KI hat kein schlechtes Gewissen wenn sie etwas verspricht das sie nicht hält. Menschen schon — zumindest die ehrlichen. 😊
KI und Google — was viele noch nicht wissen
Google hat das Helpful Content Update (Hilfreiche Inhaltsaktualisierung) gezielt gegen massenhaft generierten KI-Content ohne echten Mehrwert eingeführt. Die Botschaft ist klar: "Written for humans, not for search engines (geschrieben für Menschen, nicht für Suchmaschinen)."
Was Google belohnt:
- Echte persönliche Erfahrung — E-E-A-T (Experience (Erfahrung), Expertise (Fachwissen), Authoritativeness (Autorität) und Trustworthiness (Vertrauenswürdigkeit))
- Eigene Meinung — auch unbequeme
- Spezifisches Wissen das man nur durch echte Arbeit bekommt
Was Google abstraft:
- Massenhaft generierter KI-Content
- Texte die sich lesen als hätte sie niemand wirklich geschrieben
- Inhalte ohne echten Mehrwert
KI als Schreibhilfe — gut. KI als Ersatz für echtes Wissen — schlecht. Und das merkt Google. Immer schneller.
Wie ich KI einsetze — transparent
Ich nutze KI als Werkzeug — und ich sage das ganz offen. Im Smart & Easy Editor ist ein KI-Schreibassistent direkt integriert — über Mistral AI, einem europäischen Anbieter mit Sitz in Paris. DSGVO-konform, keine Datenweitergabe in die USA, kein Training mit Kundendaten. In meiner eigenen Arbeit nutze ich KI als Sparringspartner — für Textentwürfe die ich überarbeite, für Code-Vorschläge die ich prüfe, für Ideen die ich bewerte. Das Ergebnis ist immer meine Verantwortung — nicht die der KI. Was ich nie tue: KI-Content ungeprüft veröffentlichen. KI-Code ungetestet zu Veröffentlichen. KI blind vertrauen wenn es um Barrierefreiheit, Datenschutz oder rechtliche Fragen geht.
Der ehrliche Unterschied
Es gibt zwei Arten KI zu nutzen:
- KI als Ersatz für Denken: Frage rein, Antwort veröffentlichen. Schnell, billig, universell und allgemein. Und früher oder später von Google abgestraft.
- KI als Verstärker von Denken: Eine Idee haben, KI als Sparringspartner nutzen, filtern, verfeinern, mit eigener Erfahrung kombinieren, Verantwortung übernehmen. Langsamer — aber das Ergebnis ist einzigartig.
Das Truth Check Tool ist ein Beispiel für den zweiten Weg. Smart & Easy ist ein Beispiel für den zweiten Weg. Und dieser Text ist ein Beispiel für den zweiten Weg. KI hat geholfen. Aber die Ideen, die Erfahrung, die Entscheidungen und die Verantwortung — liegt bei mir. 😊
Die ehrliche Bilanz
KI macht manche Dinge schneller. Sie macht manche Dinge besser. Und sie ermöglicht manche Dinge die früher unmöglich waren. Aber sie hat meine Arbeit nicht überflüssig gemacht. Im Gegenteil — sie hat den Wert echter Erfahrung, echter Verantwortung und echter menschlicher Kommunikation noch deutlicher gemacht. Die Enzyklopädie hat das Wissen der Menschheit gesammelt — aber sie konnte nicht denken. Das Internet hat das Wissen zugänglich gemacht — aber es konnte nicht antworten. Die KI verbindet beides — aber sie kann nicht fühlen, nicht verantworten, nicht wirklich verstehen. Das bleibt dem Menschen vorbehalten. Zum Glück.
Wer KI nutzt und dabei ehrlich ist — gewinnt. Wer KI verteufelt und dabei heimlich nutzt — verliert Glaubwürdigkeit. Wer KI blind vertraut ohne zu prüfen — riskiert Qualität, Datenschutz und Vertrauen. Das gilt für Webdesign. Und für fast alles andere auch.
Ich bin Petra Dippold – Webdesignerin aus Moosbrunn, in der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche.