Barrierefreie CMS-Alternativen zu WordPress & TYPO3
Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet – und die auch hier die Dinge beim Namen nennt.
Im ersten Teil dieser Serie habe ich erklärt warum WordPress und TYPO3 strukturell nie vollständig barrierefrei werden können – egal wie gut die Agentur ist. Und ich habe versprochen ehrlich zu sein.
Ehrlichkeit bedeutet auch: Es gibt Alternativen. Manche gut, manche nischig, manche überraschend ähnlich zu dem was ich selbst entwickelt habe. Hier sind sie – ungeschönt bewertet.
Zuerst die wichtigste Erkenntnis
Kein CMS der Welt garantiert automatisch vollständige Barrierefreiheit. Kein System macht das von alleine – nicht Papoo, nicht Contao, nicht Plone.
Der Unterschied liegt darin wie nah ein System von Anfang an an Barrierefreiheit herankommt – und wie viel nachträgliche Arbeit nötig ist um gesetzeskonform zu werden.
Das ist der Maßstab an dem ich die folgenden Systeme messe.
Papoo CMS – der alte Bekannte
Papoo kenne ich seit fast 20 Jahren. Damals war es eines der wenigen deutschen CMS die Barrierefreiheit wirklich ernst genommen haben – ohne Datenbank, sauber codiert, überschaubar.
Heute hat sich Papoo weiterentwickelt – es gibt es noch, es wird noch gepflegt, und es wirbt weiterhin mit barrierefreiem und validem HTML als Kernversprechen.
Was Papoo kann:
- Barrierefreies HTML von Anfang an – kein nachträgliches Plugin-Flickwerk
- SEO-Funktionen die sinnvoll integriert sind – canonical Tags, Sitemaps, Metadaten
- Mobiloptimiert – responsive Design als Standard
- Überschaubar – kein Plugin-Dschungel der die Kontrolle erschwert
- Kostenlos als Open Source – kostenpflichtige Pro-Version verfügbar
Was Papoo nicht kann:
- Eine große Community bieten – Entwickler die Papoo wirklich kennen sind schwer zu finden
- Für komplexe Projekte mithalten – es ist ein System für überschaubare Websites
- Die Verbreitung von WordPress oder TYPO3 erreichen – was Support und Dokumentation betrifft ein echter Nachteil
Für wen ist Papoo geeignet?
Kleine bis mittlere Websites die Barrierefreiheit ernst nehmen und keine komplexe Redaktionsstruktur brauchen. Wer einen Papoo-Entwickler findet dem er vertraut – eine solide Wahl.
Mein ehrliches Urteil:
Gut gemeint, gut umgesetzt – aber die kleine Community ist ein echtes Risiko. Was passiert wenn der Hauptentwickler aufhört? Diese Frage muss man bei jedem Nischen-Produkt stellen.
Contao – die seriöse DACH-Alternative
Contao ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz gut bekannt – besonders bei Agenturen die Qualität über Masse stellen. Es ist kein System für schnelle Projekte – aber ein System für nachhaltige.
Was Contao kann:
- Moderne Webstandards die wichtige WCAG-Anforderungen von Haus aus erfüllen
- Hohe Sicherheitsstandards – regelmäßige Updates, klare Code-Struktur, strenge Qualitätskontrolle
- Mehrsprachigkeit von Anfang an – ohne Plugin, ohne Aufpreis
- Stabile Kernarchitektur – geprüfte Erweiterungen statt Plugin-Chaos
- Besonders geeignet für öffentliche Einrichtungen, Bildungseinrichtungen und NGOs
Was Contao nicht kann:
- Die Einfachheit von WordPress bieten – die Lernkurve ist steiler
- Vollständige WCAG-AAA-Konformität garantieren – auch hier bleibt Barrierefreiheit Entwickleraufgabe
- Mit der riesigen WordPress-Community mithalten – Entwickler und Erweiterungen sind seltener
- Für sehr kleine Projekte wirtschaftlich sein – der Aufwand ist für eine 5-seitige Website überdimensioniert
Für wen ist Contao geeignet?
Mittelständische Unternehmen, öffentliche Institutionen und Organisationen die Wert auf Stabilität, Sicherheit und solide Barrierefreiheit legen. Wer einen guten Contao-Entwickler findet – eine sehr empfehlenswerte Wahl.
Mein ehrliches Urteil:
Das ehrlichste CMS im DACH-Raum. Kein Versprechen das es nicht halten kann. Aber auch kein System für jeden.
Plone – der Klassiker für höchste Ansprüche
Plone ist kein System das man zufällig entdeckt. Es wird von Universitäten, Ministerien und internationalen Organisationen eingesetzt – überall dort wo Barrierefreiheit keine Option sondern eine Pflicht ist.
Was Plone kann:
- WCAG 2.1/2.2 AA bereits in der Standardinstallation – ohne Nachbesserung
- Semantisch korrektes HTML, klare Navigationsstrukturen, Skiplinks, Kontrastoptionen und Tastaturnavigation – alles eingebaut
- Sehr hohe Sicherheitsstandards – Python-basiert, seit Jahren bewährt
- Für komplexe Anforderungen gemacht – große Redaktionsteams, komplexe Benutzerrollen
- 2025 technisch deutlich weiterentwickelt – modernes Volto-Frontend, API-Architektur
Was Plone nicht kann:
- Einfach sein – Plone ist komplex, die Einrichtung aufwendig, die Lernkurve steil
- Günstig sein – Plone-Projekte sind keine Budget-Lösungen
- Für kleine Websites sinnvoll sein – der Aufwand steht in keinem Verhältnis
- Eine breite Community im deutschsprachigen Raum bieten – Plone-Entwickler sind selten und entsprechend teuer
Für wen ist Plone geeignet?
Öffentliche Stellen, Universitäten, Ministerien, internationale Organisationen – überall wo Barrierefreiheit gesetzlich verpflichtend ist und das Budget für professionelle Umsetzung vorhanden ist.
Mein ehrliches Urteil:
Das beste CMS wenn Barrierefreiheit wirklich oberste Priorität hat – und das Budget und die technische Kompetenz vorhanden sind. Für die meisten kleinen und mittleren Unternehmen: überdimensioniert.
Lotse CMS – die überraschende Neuentdeckung
Das hat mich beim Recherchieren wirklich überrascht: Ein Webentwickler aus Oldenburg hat dasselbe gedacht wie ich.
Er war es leid Kunden WordPress-Probleme zu erklären die es nicht geben müsste. Also hat er sein eigenes CMS entwickelt – mit WCAG 2.2 AA Barrierefreiheit ab Werk, ohne Plugin-Chaos, ohne Datenbank-Abhängigkeiten, mit persönlicher Betreuung.
Das klingt verdächtig nach Smart & Easy. 😄
Was Lotse CMS kann:
- WCAG 2.2 AA Barrierefreiheit ab Werk – kein Nachbesserungsbedarf
- Komplette SEO-Suite integriert – Schema.org, Sitemap, Open Graph, llms.txt
- Einfache Inhaltspflege – ohne Programmierkenntnisse
- Persönliche Betreuung durch den Entwickler selbst – kein Callcenter, kein Ticketsystem
- SSL inklusive – HTTPS als Standard ohne Extrakosten
Was Lotse CMS nicht kann:
- Eine große Community bieten – es ist ein Ein-Mann-Projekt
- Für komplexe Anforderungen skalieren – kein System für große Redaktionsteams
- Die Verbreitung etablierter Systeme vorweisen – noch sehr jung und unbekannt
Für wen ist Lotse CMS geeignet?
Kleine Unternehmen die eine barrierefreie Website ohne WordPress-Chaos wollen – und die persönliche Betreuung einer großen Agenturstruktur vorziehen.
Mein ehrliches Urteil:
Sympathisch, ehrlich, gut durchdacht. Dasselbe Konzept das ich mit Smart & Easy verfolge – von einem Kollegen der denselben Schluss gezogen hat. Die Welt ist klein. Das Ein-Mann-Risiko bleibt – aber das gilt für mein System genauso. 😊
Drupal – der unterschätzte Profi
Drupal wird oft vergessen wenn man über barrierefreie CMS spricht. Zu Unrecht.
Was Drupal kann:
- Barrierefreiheit die ernst genommen wird – Drupal hat eine eigene Accessibility-Initiative
- Sehr hohe Sicherheitsstandards – von Regierungen und Behörden weltweit eingesetzt
- Für komplexe Projekte gemacht – große Websites, komplexe Strukturen, viele Nutzerrollen
- Bessere Barrierefreiheit als WordPress out of the box – ohne Plugin-Abhängigkeit
Was Drupal nicht kann:
- Einfach sein – Drupal ist für technisch versierte Entwickler
- Günstig umgesetzt werden – Drupal-Projekte sind Investitionen
- Für kleine Websites sinnvoll sein – der Aufwand ist enorm
Für wen ist Drupal geeignet?
Große Unternehmen, Behörden, internationale Organisationen die komplexe Anforderungen haben und ein entsprechendes Budget.
Die ehrliche Übersicht
Kein System ist perfekt. Aber manche sind ehrlicher als andere:
- Papoo – gut gemeint, solide umgesetzt, kleine Community. Für kleine Projekte mit einem vertrauenswürdigen Entwickler.
- Contao – das seriöseste CMS im DACH-Raum. Stabil, sicher, barrierefreundlich. Für Unternehmen mit Qualitätsanspruch.
- Plone – das beste CMS wenn Barrierefreiheit oberste Priorität hat. Aber komplex und teuer. Für große Organisationen.
- Lotse CMS – der sympathische Newcomer mit dem richtigen Ansatz. Für kleine Unternehmen die persönliche Betreuung wollen.
- Drupal – der unterschätzte Profi. Für große, komplexe Projekte mit entsprechendem Budget.
- Handcodiert – vollständige Kontrolle, WCAG AAA möglich, kein System-Overhead. Für alle die Unabhängigkeit und messbare Qualität wollen.
Was alle diese Systeme gemeinsam haben
Keines davon macht Barrierefreiheit automatisch. Keines davon ersetzt den Entwickler der wirklich versteht was er tut.
Der Unterschied zu WordPress und TYPO3 ist nicht dass diese Systeme perfekt sind. Der Unterschied ist dass sie von Anfang an mit Barrierefreiheit im Kopf entwickelt wurden – statt sie nachträglich draufzustecken.
Das ist kein kleiner Unterschied. Das ist ein struktureller.
Wie ich im Artikel über WordPress und TYPO3 erklärt habe: Ein Gebäude das von Anfang an barrierefrei geplant wurde ist immer besser als eines dem man nachträglich einen Aufzug außen angebaut hat.
Die ehrliche Empfehlung
Wenn Sie eine barrierefreie Website brauchen – stellen Sie Ihrem Webdesigner oder Ihrer Agentur diese Fragen:
- Welches System empfehlen Sie – und warum?
- Wie erreichen Sie WCAG-Konformität mit diesem System?
- Was passiert wenn ich die Website in drei Jahren zu einem anderen Anbieter umziehen will?
- Können Sie mir die Barrierefreiheit nach Übergabe mit unabhängigen Messwerten belegen?
Wer auf diese Fragen keine klare Antwort gibt – hat entweder keine oder eine die Sie nicht mögen würden.
Aus Erfahrung. 😊
Ich bin Petra Dippold – Webdesignerin aus Moosbrunn, in der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche. Ich arbeite handcodiert – weil ich überzeugt bin dass es die sauberste Lösung für kleine und mittlere Websites ist. Aber ich respektiere jeden der mit den richtigen Systemen gute barrierefreie Arbeit leistet.