Agentur, Freelancer oder Webdesigner – wer passt zu mir?
Von einer Webdesignerin die seit 2001 in dieser Branche arbeitet – und die alle drei Welten kennt. Von innen.
Sie brauchen eine neue Website. Also stellen Sie sich die erste Frage: Zu wem gehe ich eigentlich?
Agentur? Freelancer? Gewerblicher Einzelkämpfer? Oder vielleicht der Neffe der "das auch kann"?
Jede dieser Optionen hat echte Vor- und Nachteile. Keine ist automatisch besser oder schlechter. Der Unterschied liegt darin was Sie brauchen – und was Sie bekommen.
Ich schreibe diesen Artikel als gewerbliche Webdesignerin im Einzelunternehmen. Das bedeutet: Ich bin selbst eine der Optionen die ich hier vergleiche. Ich versuche trotzdem so ehrlich wie möglich zu sein – weil Ehrlichkeit auf lange Sicht mehr bringt als Schönreden.
Die Webdesign-Agentur
Eine Agentur ist ein Unternehmen mit mehreren Mitarbeitern – Webdesigner, Entwickler, Texter, Projektmanager, manchmal auch SEO-Spezialisten und Grafiker. Größere Agenturen haben eigene Buchhaltung, Rechtsabteilung und Vertriebsteam.
Vorteile:
- Breites Leistungsspektrum – Design, Entwicklung, Texte, SEO, Social Media – oft alles aus einer Hand
- Kapazität für große Projekte – mehrere Menschen können gleichzeitig an einem Projekt arbeiten
- Ausfallsicherheit – wenn ein Mitarbeiter krank ist arbeiten andere weiter
- Strukturierte Prozesse – Briefings, Projektpläne, Abnahmen – bei guten Agenturen läuft das professionell
- Referenzen und Portfolio – große Agenturen haben oft beeindruckende Referenzlisten
- Für große Unternehmen vertrauenswürdig – manche Auftraggeber möchten einen institutionellen Partner
Nachteile:
- Kosten – Agenturen haben hohe Fixkosten (Büro, Personal, Verwaltung) die der Kunde mitfinanziert. Stundensätze von 120 bis 200 Euro und mehr sind normal.
- Ansprechpartner wechseln – wer das Projekt betreut ist heute der Projektmanager, morgen der Junior-Designer, übermorgen ein Praktikant. Der persönliche Kontakt zur Person die wirklich arbeitet fehlt oft.
- Umsetzung durch Dritte – große Agenturen vergeben Teile der Arbeit an Freelancer oder Subunternehmer weiter – ohne dass der Kunde das weiß
- Lange Entscheidungswege – eine Änderung die technisch 20 Minuten dauert braucht intern Abstimmung, Ticketsystem, Freigabe
- Wartungsverträge als Geschäftsmodell – manche Agenturen bauen Abhängigkeiten ein die regelmäßige Zahlungen sicherstellen – ob der Kunde sie braucht oder nicht
- Nicht jeder bekommt den besten Mitarbeiter – kleine Aufträge landen oft beim Junior. Der Senior kümmert sich um den Großkunden.
Für wen ist eine Agentur geeignet?
Für große Projekte mit komplexen Anforderungen, für Unternehmen die einen institutionellen Partner brauchen, für Projekte die viele verschiedene Disziplinen gleichzeitig benötigen – und für alle die ein entsprechendes Budget haben.
Der Freelancer
Ein Freelancer (freier Mitarbeiter) ist eine Person die ohne eigenes Gewerbe auf Projektbasis für verschiedene Auftraggeber arbeitet. In Österreich ist das rechtlich ein wichtiger Unterschied – wer regelmäßig gewerbliche Tätigkeiten ausübt braucht ein Gewerbe.
Achtung: In Österreich bewegt sich mancher "Freelancer" in einer rechtlichen Grauzone wenn er regelmäßig und wiederholt Webdesign-Aufträge annimmt ohne ein entsprechendes Gewerbe angemeldet zu haben. Das kann steuerliche und gewerberechtliche Konsequenzen haben – für den Freelancer selbst und manchmal auch für den Auftraggeber.
Vorteile:
- Oft günstigere Preise – niedrigere Fixkosten bedeuten oft niedrigere Stundensätze
- Direkter Kontakt – man spricht immer mit derselben Person die auch wirklich arbeitet
- Flexibel – schnelle Reaktion, kurze Entscheidungswege
- Spezialisierung – manche Freelancer sind in einem Bereich sehr gut – besser als jeder Generalist
Nachteile:
- Rechtliche Unsicherheit – ist das Gewerbe angemeldet? Gibt es eine Haftpflichtversicherung? Wird ordentlich Rechnung gelegt mit Steuer?
- Keine Ausfallsicherheit – wenn der Freelancer krank wird, in Urlaub fährt oder das Projekt aufgibt – steht man alleine da
- Begrenzte Kapazität – eine Person kann nur so viel schaffen. Bei größeren Projekten oder engem Zeitplan kann das zum Problem werden
- Keine Gewährleistung im Streitfall – bei einem nicht gewerblich tätigen Freelancer ist die Rechtslage im Streitfall komplizierter
- Qualität schwer einschätzbar – ohne Gewerbe, ohne Referenzen, ohne nachprüfbare Geschichte ist die Qualität vorab schwer zu beurteilen
Für wen ist ein Freelancer geeignet?
Für klar abgegrenzte Einzelprojekte, für spezifische Aufgaben wo ein Spezialist gesucht wird, für Auftraggeber die den Freelancer persönlich kennen und einschätzen können.
Der gewerbliche Webdesigner im Einzelunternehmen
Das bin ich. 😄 Also versuche ich hier besonders ehrlich zu sein.
Ein gewerblicher Webdesigner im Einzelunternehmen – auch EPU (Einzelpersonenunternehmen) genannt – ist eine Person mit angemeldetem Gewerbe, Steuernummer, Mitgliedschaft in der Wirtschaftskammer und voller rechtlicher Verantwortung für die eigene Arbeit.
Das ist kein Freelancer im Graubereich – das ist ein vollwertiges Unternehmen mit einer Person.
Vorteile:
- Rechtlich klar – Gewerbe angemeldet, Steuern gezahlt, Rechnung mit USt., Gewährleistung nach österreichischem Recht
- Direkte Verantwortung – die Person die das Angebot macht ist dieselbe die arbeitet und dieselbe die haftet
- Persönliche Kontinuität – der Ansprechpartner bleibt derselbe – heute, nächstes Jahr, in fünf Jahren
- Schlankere Kostenstruktur – kein Büromiete für 20 Schreibtische, kein Vertriebsteam, keine Verwaltungsebenen – das schlägt sich im Preis nieder
- Echte Spezialisierung möglich – wer sich auf ein Thema fokussiert wird darin wirklich gut – besser als ein Generalist in einer großen Agentur
- Langfristige Beziehung – viele EPU-Webdesigner kennen ihre Kunden seit Jahren und verstehen deren Geschäft wirklich
- Barrierefreiheit und Qualität leichter durchhaltbar – keine internen Kompromisse, kein "schnell fertig machen für den nächsten Kunden"
Nachteile:
- Begrenzte Kapazität – eine Person hat nur 24 Stunden pro Tag. Sehr große oder sehr eilige Projekte können schwierig werden
- Keine Ausfallsicherheit – Krankheit, Unfall, Urlaub – in dieser Zeit ruht die Arbeit. Gute EPUs kommunizieren das transparent und planen vor
- Kein Rundum-Sorglos-Paket – wer alles aus einer Hand will – Design, Entwicklung, Texte, Fotografie, Social Media – wird bei einem EPU manchmal an Grenzen stoßen. Kooperationen mit anderen Spezialisten sind aber möglich und üblich
- Persönliche Abhängigkeit – das Unternehmen hängt an einer Person. Wenn diese Person aufhört – ist der Ansprechpartner weg. Bei einer großen Agentur bleibt das Unternehmen
Für wen ist ein EPU-Webdesigner geeignet?
Für kleine und mittlere Unternehmen, EPUs, Freiberufler, Vereine und Neugründer die eine persönliche, verlässliche und langfristige Zusammenarbeit suchen. Für alle die wissen wollen wer konkret an ihrer Website arbeitet. Und für alle die Qualität wollen ohne Agentur-Overhead zu bezahlen.
Der Hobby-Coder – und wann er eine Option ist
Der Neffe. Die Nachbarstochter. Der Freund der "das auch kann". Jemand der Websites baut aber kein Gewerbe hat, keine Ausbildung und keine rechtliche Verantwortung.
Ich sage das ohne Herablassung – denn manche Hobby-Coder sind technisch wirklich gut. Aber:
Vorteile:
- Oft sehr günstig oder kostenlos
- Persönliches Vertrauen – man kennt die Person
- Manchmal überraschend gute technische Fähigkeiten
Nachteile:
- Keine rechtliche Verantwortung – wenn etwas schief geht hat man keinen Ansprechpartner der haftet
- Keine Gewährleistung – bei Problemen ist man auf den guten Willen der Person angewiesen
- Keine Kontinuität – wenn die Person das Interesse verliert, umzieht oder keine Zeit mehr hat – steht man alleine da. Mit einer Website die nur die andere Person wirklich versteht
- Barrierefreiheit und Rechtssicherheit – Impressum, DSGVO, Cookie Banner, WCAG – das kennen die meisten Hobby-Coder nicht ausreichend
- Soziale Komplikationen – wenn die Zusammenarbeit nicht funktioniert ist die Beziehung in Gefahr
Für wen ist ein Hobby-Coder geeignet?
Für wirklich private Projekte ohne kommerzielle Absicht. Für erste Experimente. Für alle die genau wissen was sie tun und das Risiko bewusst eingehen. Für ein Unternehmens-Website die rechtssicher, barrierefrei und langfristig verlässlich sein soll – eher nicht.
Die ehrliche Zusammenfassung
| Kriterium | Agentur | Freelancer | EPU Webdesigner | Hobby-Coder |
|---|---|---|---|---|
| Kosten | Hoch | Mittel | Mittel | Niedrig/Gratis |
| Rechtssicherheit | Hoch | Mittel/Unklar | Hoch | Niedrig |
| Persönlicher Kontakt | Niedrig | Hoch | Hoch | Sehr hoch |
| Kapazität | Hoch | Begrenzt | Begrenzt | Sehr begrenzt |
| Ausfallsicherheit | Hoch | Niedrig | Niedrig | Sehr niedrig |
| Barrierefreiheit | Variabel | Variabel | Variabel | Meist niedrig |
| Langfristige Beziehung | Mittel | Unsicher | Hoch | Unsicher |
| Für kleine Projekte | Überdimensioniert | Gut | Sehr gut | Möglich |
| Für große Projekte | Sehr gut | Begrenzt | Begrenzt | Nicht geeignet |
Die fünf Fragen die Sie stellen sollten – egal bei wem
- "Wer konkret arbeitet an meiner Website?" – Bei Agenturen oft überraschend unklar.
- "Können Sie mir Barrierefreiheit mit unabhängigen Messwerten belegen?" – WAVE, axe, Lighthouse. Wer ausweicht hat etwas zu verbergen.
- "Was passiert wenn Sie krank werden oder aufhören?" – Die ehrlichste Antwort verrät viel.
- "Gehört die Website nach Abschluss mir – vollständig?" – Manche Systeme sperren den Kunden ein.
- "Haben Sie ein Gewerbe und können Sie ordentlich Rechnung legen?" – Klingt banal. Ist es nicht.
Ich bin Petra Dippold – Webdesignerin aus Moosbrunn, in der Nähe von Wien, seit 2001 in dieser Branche. Ich bin eine der Optionen die ich hier verglichen habe – und ich stehe dazu. Wer für ein kleines oder mittleres Projekt einen persönlichen, verlässlichen und rechtssicheren Partner sucht – der ist bei mir richtig. Wer 50 Mitarbeiter und ein Millionenbudget für eine Konzernwebsite braucht – dem empfehle ich ehrlich eine große Agentur. 😊